Weihnachten in der Feuerwehr-Familie
Heiligabend,
18:30: Das Essen steht bis auf den Festtagsbraten schon auf dem Tisch, der Vater
holt die Kinder aus dem Spielzimmer, die Mutter die Gans aus dem Ofen. Jetzt ein
gemütliches Abendessen, dann ist Bescherung für die Kleinen und hinterher wenn
die im Bett sind nochmal ein wenig spezielle Bescherung für die Großen.
18:32: Die komplette Familie samt komplettem
Futteraliensatz sind am Esstisch versammelt.
18:33: Die Gans wird angeschnitten.
18:34: Merkwürdige Hintergrundgeräuschkulisse in der
Wohnung: Piep, piep, piep: Alarm für die Löschgruppe Neustadt, Mitte,
Kellerbrand.
18:34:05: Der Vater dreht genervt die Augen zur Decke.
Die Kinder piepsen: „Aber gleich ist doch Bescherung...“. Die Mutter tritt während
des Alarmstarts die silbernen Pumps von den Füßen, lässt auf dem Weg ins
Schlafzimmer auch den schicken Rock zurück und springt dort in die
bereitgestellten Feuerwehrstiefel plus Einsatzhose.
18:34:38: Die Wohnungstür fällt hinter Mami ins Schloß,
die noch ruft: „Ich beeil mich!“
18:34:40: „Manchmal hasse ich dieses Hobby“ seufzt
er.
18:38: Die Feuerwehrmana kommt am Gerätehaus an, zieht
die Jacke über, schnappt sich Helm und Gurt und saust weiter zum LF. Da sie
erst die zweite hinten ist hat sie offensichtlich Atemschutz abonniert und denkt
an die Zeit, die sie heut Abend extra für ihn in Makeup und Haare und
investiert hat-während sie das alles mit geübten Handgriffen mit
Atemschutzmaske, Flammschutzhaube und Helm verwüstet.
Mist.
Aber so ist das nun mal, denkt sie, Feier ist Feier und
Feuer ist Feuer... Dann kriegt sie zusammen mit ihrem Truppmann von vorne
weitere Anweisungen und ist nun nur noch Feuerwehrfrau.
Zu Hause hat Pappi den Kindern und sich weiter Essen
aufgelegt und für Mami eine Portion im Ofen warmgestellt.
18:43: Das LF trifft ein, der Angriffstrupp geht wie
befohlen am seitlichen Kellereingang in Bereitstellung.
Zu Hause ist Essen angesagt, und die Kiddies beruhigen
sich als der Vater Ihnen erzählt dass Mami versucht schnell wieder da zu sein
und sie notfalls halt schon mal nach dem Essen mit der Bescherung anfangen
werden.
Es ist zwar das erste Mal zu Weihnachten, ansonsten aber
eher Routine.
18:45: Der Angriffstrupp geht mit C-Leitung und Wärmebildkamera
in den Keller vor.
Laut Meldungen sind glücklicherweise alle Personen draußen,
aber irgendwer muss das Feuer ja nun mal ausmachen, und da sie zufällig gerade
da sind...
18:58. Feuer aus, Nachlöscharbeiten.
18:59: Nachschlag für den Rest der Familie.
19:07: Nachlöscharbeiten beendet, Noch ein wenig länger
lüften.
19:13: Nachtisch für die Familie.
19:15: Abbauen, Einpacken, zurück ins Gerätehaus.
19:28: Papi kann es nicht länger hinauszögern, die
Bescherung beginnt.
19:32: verlässt Firefightermami ungeduscht und zügig
das Gerätehaus, da der Haussegen nicht noch weiter in Schieflage geraten soll.
19:38: Eintreffen zu Hause: Die Kiddies sind noch beim
Auspacken, grad nochmal gutgegangen.
Und Papi wollte Mami eigentlich eine dezente Standpauke
halten, aber mit Blick auf die Rußstreifen im Gesicht rollt er sich ab vor
Lachen und kriegt kaum raus:
„Die schwarze Streifen machen sich wirklich gut zum
Lippenstift...“
Danach duscht sie noch kurz und es wird ein wirklich schönes
Fest.
Er freut sich riesig über den neuen Laptop, den sie ihm
geschenkt hat.
Nur schade, dass sie ihn erst ausprobieren können wenn
er wieder trocken ist, zeitgleich haben die lieben Kleinen nämlich die
Wasserwerferfunktion am Playmobilfeuerwehrauto entdeckt....das Ding kommt
wirklich erstaunlich weit.
Dann drückt er ihr noch ein Päckchen in die Hand:
„Ich hab dir noch ein bisschen was zum Anziehen für
ein paar heiße Stunden gekauft“...
Sie guckt ihm schelmisch an und meint: „Soll ich es
gleich für dich anziehen?“
„Na ich weiß nicht ob das vor den Kindern so
angemessen wäre.“
Sie guckt ihn versonnen an, bis sie etwas verräterisches
um seine Augen sieht.
Dann reißt sie mit einem Blick das Päckchen auf und
findet eine dieser extralangen, extradicken braunen amerikanischen
Flammschutzhaube darin.
Diesmal bekommt sie den Lachkrampf: „Ist in Ordnung,
das werde ich heut Nacht extra nur für Dich tragen!“
Und sie freut sich riesig, dass er immer noch versteht
dass sie es einfach tun muss und sie dabei immer wieder unterstützt.
Denn jede Heldin und jeder Held braucht zu Haus auch
jemand, der ihr oder ihm den Rücken freihält.
Alles in allem also mal wieder ein ganz normales
Weihnachten in Feuerwehrdeutschland.
Seht also alle zu das ihr wieder gesund nach Hause kommt-
und denkt daran, dass es manchmal schwerer ist zu Hause
zu bleiben als ins Feuer zu gehen.
Josef Mäschle, Bad Urach