Ich bin Feuerwehrmann. Freiwillig.
Seit 12 Jahren bin ich bei der Feuerwehr. Freiwillig und ohne Bezahlung.
Seit 12 Jahren bin ich täglich in Bereitschaft, habe meinen „Melder“
(korrekt: Funkmeldeempfänger) fast ständig bei mir. Auch nachts. Da steht er
auf meinem Nachttisch in der Ladestation. Aber das heißt nicht, dass er
schlafen würde. Wie oft er mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen
hat, weiß ich nicht mehr. Und das „piep-piep-piep“ macht schneller und
besser wach als jeder Wecker. Nicht weil der Ton schriller oder lauter wäre.
Nein, es ist das, was dahinter steckt, der Grund der Alarmierung. Wenn der
Melder geht bin ich sofort hellwach und nach zwölf Jahren trotzdem jedes Mal
angespannt und nervös. Und meine Frau noch mehr. Deswegen verabschiede ich
mich immer von ihr, bevor ich fahre. Denn man weiß nie, was einen erwartet.
Ist es nur eine Ölspur oder ein furchtbarer Verkehrsunfall, nur angebranntes
Essen oder ein Hausbrand in voller Ausdehnung, geht es nur um Sachwerte oder
stehen Menschenleben auf dem Spiel. In jedem Fall muss es aber schnell gehen,
denn Zeit hat man bei einem Einsatz selten. Innerhalb von drei Minuten bin ich
fertig angezogen. Hose, Shirt, Jacke, dicke Socken und Stiefel. Portemonnaie
und Schlüssel liegen immer griffbereit.
Doch trotz Nervosität und Anspannung muss man versuchen, ruhig und vernünftig
zu bleiben. Es sind schon viele Feuerwehrleute auf dem Weg zur Wache verunglückt.
Auch tödlich. Von meinen Freunden und Kameraden zum Glück noch niemand.
Gerade junge Kollegen überschätzen leider oft ihre Fahrkünste und unterschätzen
den Verkehr. Denn auch wenn es schnell gehen muss, drei Minuten später oder
gar nicht mehr ankommen – das ist ein gewaltiger Unterschied. Und die
meisten Richter entscheiden im Fall der Fälle gegen den Feuerwehrmann. Denn
die Frage, warum gerade er für diesen Einsatz von entscheidender Wichtigkeit
ist, kann so gut wie niemand beantworten.
Und selbst im Feuerwehrfahrzeug, mit Blaulicht und Sirene, mit allen Sonder-
und Wegerechten ausgerüstet, steht der Fahrer immer mit einem Bein im Gefängnis.
Er hat die Verantwortung. Auch, und vor allem, für die Kameraden, die mit im
Auto sitzen. In der Regel neun Leben, die in seine Hände, seine Fahrkünste
und seine Besonnenheit gelegt werden. Da überlegt und überdenkt man mehr als
einmal seine Fahrweise. Mit Vollgas über rote Ampeln fahren – eine schöne
Vorstellung. In der Praxis tastet man sich aber im Schritttempo über die
Kreuzung, immer auf Hut und der Suche nach demjenigen, der weder sieht noch hört.
Und trotzdem passieren immer wieder schwere Unfälle. Oft auch hier mit tödlichem
Ausgang.
Über solche Dinge machen sich die Leute, die hinten im Fahrzeug sitzen, während
der Einsatzfahrt aber keine Gedanken. Man ist viel zu sehr damit beschäftigt,
sich auszurüsten. Bevor man ins Auto steigt zieht man sich eine weitere Hose
und eine noch dickere Jacke an.
Das schränkt die Bewegungsfreiheit schon ziemlich ein. Hinzu kommen noch Helm
und Handschuhe. Wenn man dann mit sechs oder sieben Mann hinten drin sitzt
wird das ganz schön eng. Und dann muss man sich in den meisten Fällen noch
weiter ausrüsten. Atemschutzgerät mit Atemschutzmaske, Flammenbeständige
Schutzhaube unter dem Helm, Funkgerät, Fluchhaube und den Beutel mit der
Leine – da kommt einiges zusammen. Anziehen auf engstem Raum und in kürzester
Zeit. Alles in Allem trägt man dann gute 30-35 Kilo am Körper. Da kommt man
schon gut ins Schwitzen bevor man den Einsatzort erreicht hat.
Und dann geht es erst richtig los. Mit Schläuchen und Äxten „bewaffnet“
macht man sich auf den Weg. In zum Teil völlige Dunkelheit und auf
unbekanntes Terrain. Da helfen auch die stärksten Lampen wenig. Wer schon mal
im Nebel das Fernlicht eingeschaltet hat, der weiß, was ich meine. Und trotz
eingeschränkter Sicht, Hitze und Lärm, dem monotonen Keuchen des
Atemschutzgerätes muss man versuchen, einen klaren Kopf und die Übersicht zu
behalten. Man ist immer mindestens zu zweit unterwegs. Das nimmt schon ein
wenig die Anspannung und auch die Angst. Dennoch ist man alleine. Nur über
Funk mit dem Gruppenführer verbunden. Man kriecht auf allen Vieren, atmet
schwer. Vergewissert sich ständig, das der Partner noch da ist. Warnt vor ihn
vor jedem Hindernis und Abgrund. Immer vor Augen, was man gelernt hat: schau
unters Bett, auf den Schrank - in den Schrank, hinter die Tür. Menschen mit
Angst und Panik verhalten sich eben selten vernünftig. Der ständige Blick
auf die Restluftanzeige. Faustregel: doppelte Menge des Luftverbrauchs beim
Hinweg für den Rückweg einplanen. Da bleibt in der Regel wenig Zeit. Denn
eine Atemluftflasche reicht bei normaler Anstrengung für 20-30 Minuten. Im
Ernstfall weniger. Das alles ist Stress pur. Und wenn man dann eine vermisste
Person gefunden hat, setzt das noch vorhanden Energiereserven frei.
Fluchthaube überziehen und dann so schnell und so sicher wie möglich nach
draußen. Die Anspannung fällt erst ab, wenn man weiß, dass der/die
Gerettete sicher in den Händen des Rettungsdienstes ist. Dann kann man
endlich die Maske von Gesicht nehmen und frische Luft atmen.
Das ist kein Stoff aus einem Hollywood Film. Das ist alles ganz normaler
Feuerwehr-Alltag.
Ich selbst habe es schon so erlebt. Und ich habe auch schon weniger gute Ausgänge
von Hilfsaktionen mitgemacht. Nicht immer kommen alle mit dem Leben davon.
Aber wenn man das „Glück“ hat, solche Ereignisse in der Gruppe zu
erleben, dann hilft das Sprechen, das Austauschen von Erfahrungen und
Erlebnissen, darüber gemeinsam hinweg zu kommen und die Bilder und Eindrücke
zu verarbeiten. Jedes nicht gerettet Leben, sei es Mensch oder Tier, hinterlässt
bei uns Schweigen. Aber das gemeinsam Erlebte, ob schrecklich oder schön,
schweißt uns zusammen. So pathetisch es auch klingen mag, es lässt uns auch
wachsen.
Und kommt einmal der Punkt, an dem wir selbst nicht mehr weiter kommen, gibt
es von Seiten der Feuerwehr ein professionelles Team aus Psychologen,
Seelsorgen, Ärzten und Kollegen, die bei der Bewältigung hilfreich zur Seite
stehen.
Wir alle sind uns der Gefahr bewusst. Aber Dank unserer guten Ausbildung und
Ausrüstung, der ständigen Weiterbildung und der Erfahrungen aus vergangenen
Einsätzen haben wir gelernt, damit umzugehen. Dadurch wird das Risiko nicht
kleiner, aber berechenbarer.
Und trotzdem sind wir die, die ihr Leben für andere einsetzen, die helfen,
wenn andere in Not sind. Wir rennen rein, wo andere rausrennen. Und wir sind
nicht immer die, die hauptsächlich ihren Durst löschen, die rücksichtslos
mit dem Auto unterwegs zum Standort fahren oder sich nur vor dem Wehrdienst drücken
wollten. Wir sind in erster Linie Menschen, die helfen wollen, dadurch zu
Kameraden und Freunden wurden, die sich auf einander verlassen müssen und können.
Ich mache dieses Hobby, das eigentlich keines ist, sehr gerne. Und das muss
auch so sein, anders würde es nicht funktionieren.